Jack Bruce über Tony Williams und Spectrum Road

Die Bezeichnung „Supergroup“ ist ja arg überfrachtet. Doch in gewisser Weise trifft dieser Terminus auf Spectrum Road zu. Tatsächlich war der Initiator dieser neuen Formation schon einmal Mitglied einer sogenannten Supergroup – die hieß Cream und Jack Bruce war ihr Bassist und Sänger. Als die auseinanderbrach, holte ihn 1970 Schlagzeuger Tony Williams für das zweite Album, seiner mit John McLaughlin und Organist Larry Young besetzten Band Lifetime.

Um an deren prägende Bedeutung für die damals bald entstehende Fusionära zu erinnern, aber wohl auch, weil es so viel Spaß bringt diese Powermusik zu spielen, tat sich Jack Bruce mit drei genialen Kollegen zur Band Spectrum Road (*) zusammen: Drummerin Cindy Blackman Santana; die den 1997 verstorbenen Tony Williams ja als ihr Idol bezeichnet und tatsächlich sehr nah an dessen rauen, ungestümen Stil kommt; sowie Organist John Medeski von Medeski, Martin & Wood und dem einstigen Living Colour-Gitarristen Vernon Reid. Den Namen liehen sie sich von einem Stück der ersten Lifetime-LP „Emergency“ und bis auf zwei Nummern stammen die Songs ihres Debüts auch aus den insgesamt sechs veröffentlichten Lifetime-Alben.

Olaf Maikopf: Cindy veröffentlichte vor zwei Jahren ihr Album „Another Lifetime“. Kam von Cindy der Vorschlag, nun in der Besetzung mit Medeski, Reid und Ihnen als Original-Lifetime-Mitglied, die Band Spectrum Road zu formieren?

Jack Bruce: Die Idee entstand in einem Gespräch zwischen Vernon und mir. Vor einigen Jahren, zu Beginn der neuen Dekade, spielte er in meiner Band, und da sprachen wir irgendwann über Tony Williams und Lifetime. Er war sehr neugierig und wollte wissen, wie es war, mit Tony zusammenzuspielen. Wir haben uns dann entschieden, gemeinsam ein Benefizkonzert zu veranstalten und dort Stücke der Lifetime zu spielen. Aus dieser Idee entwickelte sich der Gedanke einer eigenen Band, wobei uns die jetzigen Mitglieder damals schon vorschwebten.

Olaf Maikopf: Lifetime war nicht nur Mitinitiator des Rock-Jazz, sondern mit dem kraftvollen Sound und der oft düsteren Stimmung ja etwas ganz besonderes für die damalige Zeit. Was war für sie als Bandmitglied die Besonderheit der Tony Williams Lifetime?

Jack Bruce: Es war einfach eine tolle Band, die sehr viel Kraft und eine gewaltige Anziehung hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es so etwas noch nicht gegeben. Jeder, der das Glück hatte, einen Liveauftritt mitzuerleben, kann diesen nicht vergessen. Bis heute erzählen mir Leute, denen ich auf Tour begegne, dass Konzerte dieser Band ihr Leben verändert haben. Ähnlich wie Spectrum Road heute war Lifetime eine unglaublich energiereiche Band. In vielerlei Hinsicht ist Spectrum Road vielleicht sogar besser – und (lacht verschmitzt) uns gibt es immerhin noch.

Olaf Maikopf: Wie war es für Sie mit John McLaughlin – der war ja bereist auf Ihrem Jazz-Album „Things We Like“ zu hören – und Larry Young und Tony Williams zu spielen, gab es da für Sie spezielle Erfahrungen?

Jack Bruce: (lächelnd) Sie hatten Glück, mich zu bekommen. … Es ging nicht so sehr um Gefühle und Erfahrungen, sondern vielmehr ausschließlich um die Musik. Und die Musik war – und ist – sehr ausdrucksstark. Es war eine tolle, kraftvolle Verbindung. Wir haben immer versucht, uns selbst zu übertreffen. Am besten gelang uns dies bei Konzerten. Denn diese Besetzung der Lifetime war eher eine Liveband. Die Aufnahme „Turn It Over“ spiegelt leider nicht die wahre Qualität unserer Musik wider.

Olaf Maikopf: Die Songs auf „Turn It Over“ sind von der Länge eher Pop oder Rocksongs. Gab es ein Konzept?

Jack Bruce: Ich glaube, dass Tony immer schon berühmt werden wollte. Er merkte, dass er als Jazzmusiker nicht die Aufmerksamkeit erlangen konnte, nach der er sich so sehnte. Ähnlich wie Miles Davis oder Jimi Hendrix, die, ohne zu viele Kompromisse einzugehen, berühmt wurden, wollte Tony ein echter Rockstar werden. Aber der Sound der Band ließ sich damals noch nicht so, wie er es sich vorstellte, auf Platten übertragen. Wir hatten nicht die besten Möglichkeiten, unsere Musik aufzunehmen. Heute redet man hauptsächlich von unseren Aufnahmen, von den Platten. Aber der Band ging es damals vorrangig um Liveauftritte. Doch wir sollten lieber mehr über Spectrum Road reden…

Olaf Maikopf: Okay. Also, worauf kommt es Ihnen, 40 Jahre nach „Turn It Over“, bei Spectrum Road an, woraus besteht für Sie der Spass mit Cindy, Vernon und John in dieser Band und diese Musik zu spielen?

Jack Bruce: Es ist eine sehr idealistische Band. Früher, als ich anfing Musik zu machen und bevor und während ich bei Cream spielte, waren wir sehr eigensinnig, extrem anspruchsvoll und hatten idealistische Ziele: Wir wollten mit unserer Musik die Welt verändern, sie zu einem besseren Ort machen. So dachten wir damals wirklich.
Spectrum Road hat einen ähnlichen positiven Denkansatz. Wir sind auch alle sehr idealistisch. Aber auf die Musik bezogen, gibt es, abgesehen von Cindy, große Unterschiede. So klingt Vernon für mich nicht im Entferntesten wie John McLaughlin. Und besonders Medeski; er kann zwar auch ein bisschen wie Larry spielen, aber er ist vielmehr, ein ganz einzigartiger Musiker. Doch Cindy, sie hat Tony genau analysiert. Und manchmal ist es fast unheimlich, dass sie genau wie Tony Williams klingt.

Olaf Maikopf: Ist Spectrum Road als längerlebige Band geplant, die nicht nur ein Album veröffentlichen will?

Jack Bruce: Wir fingen als Tribute-Band an, aber inzwischen sind wir eine eigenständige Band. Auf der Platte gibt es einige ganz neue Stücke zu hören, die nichts mit der alten Lifetime zu tun haben. Besonders wenn wir live zusammen spielen, bemerkt man die Entwicklung. Dennoch wollen wir auch die Aufmerksamkeit auf die damalige Musik von Tony Williams Lifetime und die besondere Zeit, in der sie entstand, lenken. Aber eben auf unsere persönliche heutige Weise. Wir sind keine Beatles Tribute-Band oder so, die Noten nachspielt, um ähnliche Gefühle zu durchleben und ans Publikum zu transportieren. Und was heißt denn heutzutage beständig? In 50 Jahren wäre ich 119 Jahre alt… Wir sind, denke ich, eine Band, deren Mitglieder so oft wie möglich zusammenkommen werden.
Wir lieben es, zusammen Musik zu machen, aber jeder von uns hat nebenbei auch noch eigene Projekte. Das ist auch wichtig für eine Band. Wir sind leidenschaftliche Musiker, die solche Musik nicht aus finanziellen Gründen machen, sondern weil wir es lieben. Durch unsere anderen unabhängigen Projekte entstehen neue und frische Ideen für Spectrum Road. Es ist doch eine phantastische Sache, sich zu treffen und dabei verschiedene Ideen zusammenzutragen, um daraus neue Musik zu entwickeln.

Olaf Maikopf:Ihre persönliche Musikgeschichte ist ja recht vielseitig. Aber trotzdem kreist die Musik von Jack Bruce gern um frühe Einflüsse wie Blues und Jazz. Sehen Sie hier Ihre musikalische Heimat?

Jack Bruce: All das, was man Popmusik nennt, hat doch seine Wurzeln im Blues. Selbst die deutsche Kabarettmusik der 1920er ist im Kern Blues und Jazz. Es ist nichts besonderes, dass man den Blues aus meiner Musik und auch der von Spectrum Road heraushört.

Olaf Maikopf: Wie fühlten sie sich, als der junge Tony Williams, damals gerade bei Miles Davis ausgestiegen, Sie zur Lifetime holte?

Jack Bruce: Ich war sehr glücklich, als ich zur Lifetime dazukam. Als die Anfrage von Tony kam, tourte ich gerade mit meiner eigenen Band und entschied mich dazu, diese Tour erst zu Ende zu bringen. Es war eine groß angelegte Rock’n’Roll-Tour. Lifetime stellte dann, genau wie Cream, eine Herausforderung für mich dar, die ich noch einmal annehmen wollte. Denn ich wollte eine neue, andere Art von Musik spielen, abseits vom üblichen Heavy-Rock. Deswegen schloss ich mich auch nicht Led Zeppelin an, die hatten mich nämlich gefragt, ob ich als Bassist bei ihnen mitmachen wolle. Diese großspurigen Rockschlachten von Cream oder Led Zep waren zwar intensiv, aber auch sehr überladen. Stell dir Cream, so großartig die Band auch war, als vierzylindrigen Alfa Romeo Zagato von 1923 vor. Verglichen damit war Lifetime ein achtzylindriger Bentley.

Olaf Maikopf: Demnächst touren Spectrum Road in Europa, leider gibt es nur ein Konzert in Deutschland, am 17. Juli beim Münchner Jazzsommer. Gleich im Anschluß treten Sie mit ihrer Bluesband, in der auch Gitarrist Tony Remy spielt, in Süddeutschland auf.

Jack Bruce: Es ist eine tolle Möglichkeit, mit jungen Musikern zu spielen, was mir absoluten Spaß bereitet. … Wir sind beinah wie Geschwister, leben dann alle für eine Zeit zusammen. Ausserdem sind wir vier Veganer, was auch manches einfacher macht.
Meine Big Blues Band, mit der ich momentan viel spiele, ist mehr eine ‚Spaß-Band‘. Die Leute kommen, um eine gute Zeit zu haben und gute Musik zu hören. Aber wir versuchen nicht, die Grenzen der Musik auszutesten und sie zu überschreiten. Bei Spectrum Road versuchen wir genau das. … Wir spielen nach unserer großen US-Tour noch eine kurze in Europa. Allerdings trete ich ungern in kleinen Clubs auf, sondern ziehe Festivals und schöne Konzerthallen vor. Grundsätzlich spiele ich sehr gerne in Deutschland. Schließlich habe ich eine Deutsche Lady geheiratet und lebte sogar einige Jahre in der Nähe von Stuttgart.

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