Von Charlie Parker und Ben Webster beeinflusst, zählt der avantgardistisch orientierte Komponist und Arrangeur Tony Scott zur zweiten Generation der Bebop-Innovatoren. Seine Experimentierfreudigkeit und absolute Beherrschung der Tradition, verbunden mit dem wohl mächtigsten Sound aller Klarinettisten, machte ihn zu einem der wichtigsten Stilisten. Im Alter von 85 Jahren verstarb in der Nacht zum 30. März dieses Jahres, in seiner Wahlheimat Rom, der wunderbare Klarinettist und Grenzüberschreiter Tony Scott, bürgerlich Anthony Sciacca.
Erinnerungen und Emotionen
So als würde Tony Scott in Vorahnung des eigenen Todes sein langes Leben mit dem Jazz rekapitulieren wollen, nannte er seine kürzlich erschienene letzte CD „A Jazz Life“ (Kind Of Blue). Hier spielt er ergreifende Versionen der Stücke, die er seit seiner Zeit mit Duke Ellington, Thelonious Monk, Billie Holiday oder Dizzy Gillespie liebte.
Ich hatte einen exklusiven Interviewtermin mit Signore Scott in Rom, doch einige Tage bevor mich das Flugzeug in die italienische Capitale bringen sollte, kam die Email-Botschaft seines plötzlichen Todes. Trotzdem konnte ich kurze Zeit später ein sehr bewegendes Gespräch mit Tony Scott’s Witwe Cinzia führen.
Olaf Maikopf: Wußte Tony von der Schwere seiner Krankheit und spielte er darum „A Jazz Life“ bewußt als Abschiedswerk ein?
Cinzia Scott: Für Tony war Musizieren sein Leben, seine Gedanken waren dabei immer, dass er für den Jazz leben – aber nicht für ihn sterben wollte. Er hat nie an den Tod gedacht und er mochte es auch überhaupt nicht, darüber zu sprechen – sicher war es schließlich so, dass er sich häufig müde fühlte, und das sagte er auch. Aber das gefiel ihm überhaupt nicht, weil seine Seele, sein Geist stets etwas tun wollten, musizieren, herumreisen, fotografieren, mit Leuten reden – alles außer zu sterben.
Ihn dann so müde zu sehen, das war das, was mich am meisten traurig gemacht hat. Darum versuche ich heute lieber daran zu denken, dass er die meiste Zeit seines Lebens die Möglichkeit hatte das zu tun, was ihm am meisten Freude bereitet hat, so lange er es eben konnte. Die Songs von „A Jazz Life“ sind mehr oder weniger diejenigen Jazzstücke, die er geliebt hat und während seiner Karriere immer für seine Konzerte auswählte, vor allem „Round Midnight“ und „Body and Soul“ – wunderbar als Teil des Ganzen die freie, schwebende Interpretation, ohne Zeit – an einen Kanon erinnernd, wo einer das Echo eines anderen ist. „Caravan“ spielte Tony normalerweise nicht so gern, aber hier auf der CD hat er es ganz außergewöhnlich interpretiert. Für „Nina’s Dance“, einer Komposition von Tony Scott habe ich die Teile des Arrangements in das Studio gebracht, die Tony für ein ganzes Orchester geschrieben hat. Mit einer außerordentlichen Ruhe – ich weiß nicht wie – haben die Musiker innerhalb von zehn Minuten alles festgelegt – dabei aber mit vollem Respekt für das Original, indem sie zusammenfassend gemeinsam einen Extrakt daraus zogen…… und dann haben sie mit dem Spielen begonnen.
Olaf Maikopf: Wie war Tony’s Stimmung während der Aufnahmen?
Cinzia Scott: Die Situation im Studio war voller Freude, sehr faszinierend aber zur selben Zeit auch ernst und professionell. Die Musiker waren entspannt, aber trotzdem konzentriert, offen, sehr respektvoll, sie fühlten sich sehr wohl. Tony war im Studio zeitweise etwas durcheinander, und er zeigte teilweise eine große und tiefe Müdigkeit, es ist schwierig diese Momente genauer zu erklären, wenn man sich andererseits den starken und sicheren Tony Scott vorstellt, so wie man ihn immer gekannt hat. Ich habe versucht ihm zu helfen, soweit es möglich war, indem ich nahe bei ihm war, ihn beruhigte und ihm chinesisches Essen brachte …. das war es, was er am liebsten mochte! Für mich ist das Ergebnis unglaublich, wenn man beim Hören der Platte diese Energie wahrnimmt! Ich höre seine unglaubliche Lust zu spielen, seine Lust zu leben. Ich bin glücklich, dass er uns allen, mich eingeschlossen, eine solche Erinnerung hinterlassen hat, eine strahlende Erinnerung, ihn so zu sehen macht Freude und nicht traurig.
Olaf Maikopf: Bei der ersten Nummer, seiner Komposition „Low, Down, Dirty, Good For Nothing Blues“ singt er im bluesigen Scatstil.
Cinzia Scott: Tony hat sich immer an den Blues gehalten – Blues ist die Seele des Jazz, ohne ihn würde der Jazz nicht existieren – so pflegte er zu sagen. Und in keinem seiner Konzerte durfte ein Blues fehlen. Um auf den Gesang zurückzukommen, Tony war als ein Champion des Scat bekannt – genau wie Dizzy Gillespie, wie man auch in einer italienischen Fernsehsendung aus den achtziger Jahren sehen kann, wo die beiden miteinander ein Duett spielten – oder ein Duell austrugen?. Ich bewundere es, wenn Tony mit tiefer Stimme singt. Er hat eine ganz besondere und unverwechselbare Stimme. Da ist „black and soul“ in seiner Seele.
Olaf Maikopf: Wenn man die CD hört, dann vergisst man, dass der Tony zur Zeit der Aufnahme bereits 84 Jahre alt war. Aber sein Spiel klingt frisch, lebhaft und voller Humor. War auf die Krankheit bezogen, das Spielen zu der Zeit so etwas wie eine Kur, ein Jungbrunnen?
Cinzia Scott: Die Musik war alles für ihn, wenn man berücksichtigt, dass er in sie alles hineinlegte, was er lebte……… ohne Ziel auf den Straßen dahinfahren, sich mit Leuten treffen und mit ihnen reden, Großmütter, Mütter, Kinder Mauern, Bäume fotografieren, nach seinen Hunden schauen, Züge nehmen, um von hier nach dort zu kommen, Jamsessions machen…..
Sein Gehirn, sein Geist waren jung und sein Jungbrunnen war es, offen zu sein, neugierig. Seine große Leidenschaft war das Kommunizieren. Die Energie, die er so aus der Welt bekam, gab er in einem ununterbrochenen Kreislauf in die Musik zurück. Es ist offensichtlich, dass sein durch das Alter bedingter physischer Zustand diesen Kreislauf immer wieder durch Unterbrechungen bedrohte, und in den letzten Jahren geschah es häufiger, dass er das „Tun“ durch etwas ersetzte, was er „Denken“ nannte.
Aber das geschah wirklich nur sehr selten, irgendjemand kam zu Besuch, ein Vorschlag für ein Konzert, ein Stück Pizza, die Nudeln im Restaurant seines Freundes, ein Interview, das Hören einer alten Platte von Charlie Parker oder irgendetwas Neues und Ungewöhnliches weckten in ihm wie bei einer wiederaufgeladenen Batterie die alten Lebensgeister wieder, sodass er wieder wie ein Kind ohne Alter war.
Für Tony wurde es physisch dann immer schwieriger zu gehen, so habe ich in den letzten Jahren damit begonnen, Konzerte bei uns zuhause zu organisieren. Dort konnten die Leute kommen und mit ihm die Energie und die Freude an der Musik, dem Essen und auch unseren acht kleinen Hunden teilen. Das alles sind unvergessliche Erlebnisse.
Olaf Maikopf: Was haben Sie in der Zeit vor seinem Tod empfunden?
Cinzia Scott: In den Monaten davor dachte ich auf der einen Seite, dass das, was passierte, nun einmal passieren muss, dass es der natürliche Lauf der Dinge ist. Andererseits wollte ich nicht, dass er von mir ging, ich dachte, ich könnte nicht allein leben. Zwischenzeitlich dachte ich auch, dass er vielleicht weiterlebt, ich wusste schließlich von seinem Wunsch zu leben, Musik zu machen, seine Geschichten zu erzählen, auch von seinen alten Jazz-Freunden, die er bewunderte. Ich habe mich sehr allein gefühlt, aber die Tatsache, dass er mir nahe war, hat mir Kraft gegeben, weiterzukämpfen.
Wenn es ihm in den letzten Monaten mal ein wenig besser ging, fühlte er gleich wieder alle Kräfte erwachen und dankte mir: „Du hast mir das Leben gerettet, ich dachte, dass ich schon sterben müsste, aber Du hast mich gerettet!“ Es war schrecklich, ihn so sprechen zu hören, denn schließlich wusste ich, dass es nicht in meiner Macht lag, ihn gesund zu machen! Trotz alledem fühlte ich, dass es wichtig war, ihm zu ermöglichen, die letzten Monate so zu leben, wie Tony Scott es immer gewollt hatte, physisch, geistig und spirituell, auch wenn er nicht sprechen und mir sagen konnte, was er dachte und was er wollte … wir schauten uns an, und ich versuchte alle seine Gedanken zu erraten. Am Ende war es sehr schwierig für uns. Wir waren nie zur gleichen Zeit „bereit“, ich glaube wir haben beide gewartet, dass der andere bereit ist. Er hat unglaublich viel Rücksicht auf mich genommen, er hat mir Zeit gelassen, den Moment anzunehmen und in mir reifen zu lassen; wenn der Moment dann kommt, merkst du, dass du bereit bist, aber nicht später … so ist das für mich.
Olaf Maikopf: Waren Sie bis zum Ende an seiner Seite?
Cinzia Scott: Ja, wir haben uns nie von einander getrennt, bis zum letzten Atemzug. Ich konnte ihn nicht einen Moment alleine lassen, nicht einmal während der Tage, an denen er im Krankenhaus lag, ich konnte mir nicht vorstellen, dass er allein irgendwo ist, oder eben jemand anderem ausgeliefert, und ich konnte mir nicht vorstellen, ohne ihn zu sein. Alle Bilder, jeder Moment ist noch sehr lebendig in mir, aber ich kann sie nicht in Worten ausdrücken. Meine Gefühle sind zu stark, wenn ich diese Bilder in mir lebendig werden lasse. Dafür braucht es Zeit.
Ich erlaube mir selbst nur ein Bild, es ist in mein Gedächtnis eingebrannt, und ich liebe es, mich daran zu erinnern: Tony ist bei uns zu Hause, er liegt in seinem Bett direkt vor einem riesigen Fenster, durch das das Licht herein scheint, die Sonne, die den Rasen in gleißendem Grün leuchten lässt, vor dem Fenster stehen mehrere Blumentöpfe voller Fuchsien, die großen von Tony selbst gemalten Bilder im ganzen Raum, seine Klarinettenmusik.
Ich habe ihm seine Sonnenbrille aufgesetzt, eine Brille mit übermäßig großen Gläsern, so wie es ihm gefiel, und ich habe ihm die Beine zugedeckt, damit er sich aufwärmt und Energien für den Tag sammeln kann.
Olaf Maikopf: Seine Klassiker wie „Music For Zen Meditation“ lassen denken, dass Tony schon lange seine persönliche Ballance gefunden hatte. War das so, hatte er letztlich auch seinen Frieden gefunden, oder schaute er verzweifelt auf den kommenden Tod?
Cinzia Scott: Tony war immer ein großer Angsthase, was Krankheiten angeht. Und in der Vergangenheit, immer wenn er zum Arzt gehen musste, weil irgend etwas nicht in Ordnung war, anstatt dem Arzt zu sagen, was das Problem war, fing er an zu tanzen, Witze zu erzählen und zu lachen, so dass jede Untersuchung eine kleine Show war und die Ärzte am Ende sagten: „Wenn ich nur auch so altere wie Sie, dass wär’s.“
Am Ende bin ich sprachlos gewesen, als ich gesehen habe, wie er seine Situation angenommen hat, seine Ruhe und innere Kraft hat mich sehr berührt, wie er sich von seinem Leid nicht hat klein kriegen lassen, ebenso konzentriert wie in der Zeit, als er für Charly Parker Blues gespielt hat. Es war eine unvergleichliche Lektion über Leben und Tod. Vielleicht ist Zen das richtige Wort, um dieses Phänomen zu beschreiben.
Olaf Maikopf: Hören Sie jetzt nach dem Tod von Tony seine Musik?
Cinzia Scott: Einen Monat lang habe ich es nicht über’s Herz gebracht, mir seine Klarinettenstücke anzuhören. Aber ich habe den ganzen Tag – und das jeden Tag – nur das gehört, was er selbst die „heilige Musik“ – „musica sacra“ – nannte: Stücke, die er zu Hause auf einem Keyboard improvisiert hat und die ich auf CDR aufgenommen habe. Melodien, die im Studio aufgearbeitet werden müssten, um ihre wahre Qualität herauszuholen, oder besser gesagt, einen echten Chor singen zu lassen, mit einer echten Orgel als Begleitung oder Saiteninstrumenten. Aber das war die Musik, die mir mein Leben wiedergegeben hat, als er nicht mehr da war.
Vor einer Woche kam ein Freund zu mir nach Hause, ein Freund, der Tony während seiner Krankheit sehr nahe gestanden und uns sehr geholfen hat. Ich habe ihn gefragt, ob wir uns nicht die DVD von „A Jazz Life” zusammen anschauen könnten. Wie als hätte ich es geahnt, hat das die Situation für mich entschärft und am nächsten Tag habe ich auch die CD gehört. Jeden morgen, wenn ich Tonys Stimme höre, wie er singt: …” I want to tell you about… LIFE! “ fühle ich mich wieder voller Kraft und Mut und ich denke über das Leben: Ok, vielleicht kann ich es doch schaffen. Ich hatte für Tony eine CD mit allen seinen Balladen auf Klarinette zusammengestellt – auch die ganz vom Anfang – die wir in diesen Monaten sehr viel zusammen gehört haben. Ich muss immer noch lachen, wenn ich daran denke, wie er dann manchmal geguckt hat, ein Ausdruck, gleichzeitig erstaunt und überglücklich. Die Römer würden dazu wohl “aaammmappateeee…!!” sagen, was übersetzt soviel heißt wie: Man hat es nicht für möglich gehalten, aber tatsächlich, ich war gar nicht schlecht!
Olaf Maikopf: Waren sie involviert in seine Musik?
Cinzia Scott: Eine wunderschöne Erinnerung ist die an unsere erste gemeinsame Arbeit, wir gingen eines Nachmittags in ein großes, leeres Lokal – noch war kein anderer da – er spielte Klarinette und ich tanzte – sie müssen wissen, ich bin Choreographien und Tänzerin – alles war improvisiert, und einer inspirierte den anderen im selben Moment. Das war eine unglaubliche Einheit. Wir haben den Ton aufgenommen, aber leider hatten wir zu dieser Zeit noch keine Videokamera. Was mich unglaublich beeindruckte, war, als er am Klavier Stücke aufnahm, die er mir widmete, meditative Stücke, voller Ruhe und Frieden. Wenn wir zusammen ins Studio gegangen sind und er alleine in seinem Raum war und „Healing Music“ improvisierte, schaute ich ihn durch die Glasscheibe an … ab und zu hörte er auf zu spielen, trank einen Schluck Wasser, schaute mich an und spielte dann voller Ruhe weiter. Wenn ich daran denke, dass ich Tony Unrecht getan habe, dann in dem Sinn, dass ich noch nichts zu dieser Musik geschaffen habe. Er war sehr wütend auf mich deswegen. „Ich habe vor 7 Jahren für Billie Holiday „Misery“ geschrieben und bis jetzt hat sie es noch nicht aufgenommen. Als ich es dann Carmen McRae gegeben habe, hat Billie sich aufgeregt! Ich mache Healing Music, du sagst „ich werde was dazu machen, ich werde was dazu machen“, aber bis jetzt hast du noch gar nichts gemacht!“ Ich glaube zu der Zeit habe ich gedacht, dass ich nichts schaffen könnte, was dieser Musik angemessen wäre. Die Musik ist wirklich eindringlich, sie scheint vollständig. Aber ich bin wirklich glücklich, dass wenige Tage bevor Tony starb eine Interpretation von „Misery“ von Billie Holiday herauskam, die er hören konnte, auch wenn sie nicht im Studio, sondern bei Leonard Feather zu Hause aufgenommen wurde. Tony begleitet sie am Klavier und sie singt auf ganz vortreffliche Weise.
Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen. Empört durch die Tatsache, dass noch im Jahr 2000 im Internet stand, dass Tony Scott seit 1969 vermisst ist, habe ich mir die Aufgabe gestellt, seine Webside neu zu machen. Ich archiviere, schreibe die Texte, übersetze Briefe, kopiere Musik, erledige die Korrespondenz. Tony fragte immer nach meiner Meinung zu diesem und jenem, er begann damit, mir seine Telefongespräche zu übertragen, die Konzerte zu organisieren, von der Planung über den Transport, aber auch die Zusammenstellung des Repertoires, die geschäftlichen Dinge. Aber die Musiker suchte er stets selbst aus. Bis auf einmal – 1994 wollte ich ihm eine Überraschung bereiten und stellte in Rom das Tony Scott Orchestre zusammen, damit er das Repertoire seines amerikanischen Orchesters von 1956 nachspielen konnte. Ich habe mich immer und in allen Dingen nach seinen Bedürfnissen und Wünschen gerichtet, nach dem, von dem ich wusste, dass es ihm gefällt oder nicht gefällt und ich habe am Ende immer sein endgültiges Einverständnis eingeholt. Und wenn ich es mal nicht schaffte, weil die Situation zu kompliziert war und ich darüber wütend und verzweifelt war und weinte, sagte ich: „ Tony, bitte denk du darüber nach, ich schaff’s nicht.“ Dann hielten wir zusammen wie Pech und Schwefel, zwei richtige und einzigartige Komplizen, die sich gegenseitig unterstützen. Und wenn wir die Situation zusammen gemeinsam gemeistert hatten, das war ein großartiges Gefühl. Er war immer da … und auch ich war immer da.
Auch wenn ich mir diese Arbeit eigentlich nicht ausgesucht hatte, war ich jeden Tag wieder dabei, und jeden Tag ein Stück enthusiastischer. Ich musste Aufnahmen machen, Videos überspielen, Public Relations, Coverdesign, Pressearbeit, Werbung, ich musste fotografieren, mir neue Projekte ausdenken, ich stellte ein wunderschönes multimediales Archiv zusammen – wenn man an die Karriere von Tony denkt, kann man sich vorstellen, wie viel Material da zusammenkommt. Ich habe das in der ganzen Welt gesucht, und darauf war Tony wirklich stolz.
Durch die Arbeit für Tony und über Tony selbst habe ich außerdem die Möglichkeit gehabt, wirklich sehr viel zu lernen; durch das Leben mit ihm konnte ich Dinge aufsaugen, von denen ich nie geglaubt hätte sie zu empfinden. Dinge, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren. Es ist eine Art zu sehen, eine Art zu hören, eine Fähigkeit wahrzunehmen.
Mir fehlt sehr seine Fähigkeit „in control“ zu sein, sein Wissen darum, in eine bestimmte Situation einzusteigen und sie gleichzeitig von außen zu betrachten, das was er mir in seinem „Italo-Amerikanisch“ sagte, das er in den ganzen Jahren hier in Italien nicht abgelegt hat: „Cinzia, make dir kaine Sorgen, sei ruuhig“.
Olaf Maikopf: Was wünschen sie, dass die Menschen von Tony Scott in Erinnerung behalten?
Cinzia Scott: Ich bin mir sicher, jeder einzelne erinnert sich mit Freude daran, was Tony ihm persönlich gegeben hat … so ist das nämlich: Es gibt nicht eine Person, ob es jetzt ein persönlicher Kontakt war, oder aber sie ihn im Konzert gesehen hat, die nicht eine persönliche Geschichte hat, die sie an Tony erinnert. Von diesen Geschichten kenne ich sehr viele. Ich kann nur sagen, dass Tony sehr in die Leben vieler Menschen eingebunden ist, ich spreche hier nicht nur von Musikern, von Fans oder Menschen, mit denen er gearbeitet hat, sondern auch von „seinem Freund“, der sein Freund ist, weil er Pizza in der Straße Viale Trastevere in Rom verkauf.
Auf seiner Beerdigung in Rom hat es keiner geschafft zu sprechen, über Tony zu sprechen … jeder hatte seine eigenen Geschichten im Kopf, die wie ein Film im Gedächtnis abliefen, es gab soviel zu erzählen, aber wir standen alle da und haben nur Tony zugehört. Ja, Tony hat einem immer das Leben erfüllt.
Ich wünsche mir, dass wir alle seine Wünsche im Hinterkopf behalten, das, was er für sich gewollt hat, was ihm gefallen hätte … eine Schule für Künstler gründen, um ihnen zu helfen sich zu entwickeln, einen Fond gründen, ein multimediales Museum gründen, seine Bilder anzugucken, seine Fotos, in einer Ausstellung zu sehen. Und vielleicht auch noch andere Wünsche, die auf einem seiner Zettel stehen, die er hinterlassen hat.
Tony Scott liegt in dem kleinen sizilianischen Städtchen Salemi begraben, der Heimat seiner Familie. Auf den Grabstein möchte seine Witwe Cinzia Scott diesen Ausspruch Tony’s schreiben lassen: “I just love people. I love situations. I love to go to a country and just play for people and feel sometimes, listen to things, look at things. Because if you are not living, then you’re dead before you’ve actually died.”
