Heinz Sauer, seit über 45 Jahren nicht nur auf deutschen Jazzbühnen unterwegs, feierte am 25. Dezember seinen 75. Geburtstag. Sicher auch ein Anlaß für die „Jubiläums“-CD „The Journey“. Allerdings ist Heinz Sauer kein Mann, der in der Vergangenheit lebt, seine Musiker-Karriere in blumigen Erinnerungen Revue passieren lässt. Er schiebt keinen Altersfrust, steckt vielmehr noch voller Lebenslust und Energie. Das zeigt er in seiner Musik der letzten drei Jahre mit dem 29-jährigen Pianisten Michael Wollny. Ein wohl idealer Partner für Sauer, ergänzen sich die zwei doch kongenial, zeugen ihre ungemein frischen, kompromisslosen Dialoge vonIdeen, in denen die ganze Jazz-Moderne auf kreative Unbekümmtheit trifft.
Dass es Heinz Sauer stets um seine jeweils aktuellste Musik geht, bestätigte sich auch im Interview mit sonic.
In den Linernotes zu „The Journey“ (Act) schreibt Sauer’s Freund, der einstige Leiter der NDR Bigband, Wolfgang Kunert:
„Mich trifft der – trotz aller Wandlungen im Laufe der Jahre – unverwechselbare Sound seiner Musik und seines Instruments jedenfalls immer wieder mitten ins Herz. Heinz Sauer ist für mich unter den Saxofonisten des Jazz einer der am hellsten leuchtenden Sterne.“
Kunert’s Kompliment an den 1932 in Merseburg geborenen Saxofonisten und Komponisten trifft ins Schwarze, beherrscht der meist etwas zurückhaltend erscheinende Heinz Sauer doch souverän die Errungenschaften der Jazz-Tradition, um diese aber stets auf seine expressive Weise zu erneuern. Sein Tenorsax-Sound ist roh, sperrig, sogar auch mal ungeschliffen, fügt gern Überblaseffekte hinzu, ist dabei jedoch immer figurativ, substanzreich melodisch. Für den jüngeren Kollegen Matthias Schubert, den mit Sauer die unbedingte Expressivität im Tenorspiel verbindet, ist der Frankfurter Saxofonist ein Vorbild an Konsequenz, Disziplin und Ernsthaftigkeit.
Nach dem Physikstudium und der autodidaktischen Musikausbildung machte Sauer 1956 als Amateurjazzer auf sich aufmerksam. Vier Jahre später bekam er sein bis heute bestehendes Engagement beim Jazzensemble des Hessischen Rundfunks, und ebenfalls 1960, mit 28 Jahren, einen Saxofonistenjob im Quartett des Posaunisten Albert Mangelsdorff.
sonic: Wie erinnern Sie die gemeinsamen Jahre mit Mangelsdorff, immerhin spielten sie von 1960 bis ’78 in dessen Quartett und waren dabei so etwas wie ein Gegenpol zu ihm. War er, wie es oft heißt, für Sie die überragende Gestalt, der Mentor?
H. Sauer: Ja das war er schon, fast so ein bischen autoritär. Er hat mich dann, als eine Saxofonistenstelle frei wurde, so ausgewählt, das war fast wie so ein Gnadenakt. Da war ich ihm aber schon dankbar. Ich weiß noch, der erste Job, wir haben einen Monat lang in Stuttgart in der Atlantic-Bar gespielt. Vor der Hinfahrt verabschiedete uns der große Impressario Fritz Rau und sagte dabei zu mir: „Heinz, mach dem Albert keine Schande.“ So lief das damals, die zwischenmenschlichen Verhältnisse waren so. Nicht so auf gleicher Ebene wie heute zwischen Michael Wollny und mir. Albert und ich waren nicht die absoluten Freunde, wir haben uns respektiert. Die Spannung die zwischen uns herrschte haben wir dann immer auf der Bühne ausgetragen.
sonic: In den 70ern spielten Sie auch mit internationalen Größen wie Archie Shepp, George Adams, Jack DeJohnette oder Bennie Wallace. Hat Ihnen an diesen Stars des amerikanischen Jazz etwas imponiert?
H. Sauer: Mich beeindruckte, wie so verschiedene Sozialisationen musikalisch auch ganz andere Ergebnisse erzielen. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und setzte mich mit all den Problemen auseinander, die es hier gibt. Die hiesige Umgebung formte mich zu diesem Menschen und Musiker der ich heute bin – der unterscheidet sich von den Leuten die in Amerika geprägt wurden. An manchen Punkten ging das Zusammenspiel mit beispielsweise Shepp wunderbar. Aber Ich kam nie auf die Idee in die USA zu gehen und hatte auch nicht die Illusion, dass ich dann dort plötzlich ein toller Musiker werden würde, ein besserer. Ich hatte Respekt vor den schwarzen Musikern, uns fehlte ja der Background. Wir haben Beethoven und Bach. Aber eine Volksmusik wie beispielsweise in Südamerika oder Gospel und Blues fehlen hier. Also muss es irgendwie anders gehen. Vielleicht muss man in Bayern aufgewachsen sein, die machen das gut. Ich komm aus Sachsen.
sonic: Für eine so lange Zeit als Profimusiker veröffentlichen Sie relativ sparsam eigene Platten. Hat das einen speziellen Grund?
H.Sauer: Jeder der meint er könne ein Saxofon halten, muss als erstes ’ne Platte machen. Das ist meist alles so bedeutungslos. Ich hab immer Platten gemacht wenn ich irgendwie das Gefühl hatte, ich war einen Schritt weiter und der interessiert auch ein Publikum. Deswegen ist auch das dritte Duoalbum mit Wollny jetzt noch nicht da. Wir haben einen Anlauf gemacht, aber festgestellt, dass da ein wichtiger Schritt noch nicht geschehen ist. Also arbeiten wir weiter daran, denn unsere neue Musik muss schon anders sein als auf „Certain Beauty“ und „Melancholia“. Eventuell wollen wir es nun mit einem Gambenspieler versuchen.
sonic: Wie ist es für Sie 75 Jahre alt zu werden, denkt man da an die verbleibende Zeit, an das was man noch alles machen möchte?
H. Sauer: Das passte mir natürlich gar nicht mit der 75, das wird jetzt auch noch so breitgetreten. Für mich ist 75 wie 55, wie 35. Die Quersumme von 75 gefällt mir, für’n Musiker und ehemaligen Mathematiker ist 12 eine schöne Zahl.
sonic: Trotzdem werden zum Beispiel Konzerte rein körperlich bestimmt nicht mehr so locker absolviert?
H. Sauer: Da muss ich jetzt sehr vorsichtig sein wenn ich das so formuliere, dass ich ungern zu viele Konzerte auf einmal spiele, weil jedes Konzert soll etwas besonderes sein und der Mensch ist ja nicht unerschöpflich. Man braucht immer wieder so eine Zeit, wo man sich ein bisschen auffrischen kann. Konzerte können so unterschiedlich sein, die sind abhängig vom Raum in dem wir spielen, vom Publikum und wir sind auch – also Michael Wollny denkt da sehr ähnlich wie ich – sehr angewiesen was für Leute da vor uns sitzen und wo sie sitzen. Jedes Konzert ist etwas besonderes und läuft immer anders ab. Wir haben ja ziemlich wenig festgelegte Dinge in unseren Konzerten, wir gehen auf die Bühne, horchen in den Raum rein – Raum meint also inklusive Publikum – und gestalten unser Konzert danach.
sonic: Was für einen Stellenwert hat dabei die Improvisation?
H. Sauer: Ich bin ja mit improvisieren groß geworden. Auf das Duo mit Michael Wollny bezogen bedeutet es, dass wir dabei kaum groß Arrangements brauchen. Wir improvisieren überwiegend, dass können wir beide.
sonic: Wie sind sie zwei eigentlich zusammen gekommen?
H. Sauer: Unser erstes gemeinsames Spielen war im Literaturhaus Darmstadt. Da ist ein ganz großer Flügel und wenig Platz auf dem Podium. Der Schauspieler Christian Brückner hat aus einem Buch des Schriftstellers Ror Wolf gelesen und wir machten die Musik dazu. Immer nach jeweils einem Kapitel spielten wir totale Improvisationen, unsere Reaktionen auf die Texte. Es klappte gut, wir fühlten uns wohl miteinander. Das war der Ausgangspunkt dieses Duos.
sonic: Kritiken bezeichnen sie als „Traumpaar des aktuellen deutschen Jazz“ und loben ihre „intensiven, einfallsreichen Zwiegespräche“. Bestätigt das Ihre Entscheidung für dieses Duo?
H. Sauer: Zuerst einmal muss man das Traumpaar vor jedem Konzert eleminieren, ansonsten hemmt dieser Begriff oder setzt zu viele Erwartungen frei. In diesem Zusammenhang wird auch oft das Wort Generationsunterschied benutzt. Den seh ich gar nicht nicht. Vielleicht liegt das an mir, weil ich nie ans Alter denke, ich spiele immer weiter. Wollny und ich sind ja viel gemeinsam unterwegs, da unterhält man sich auch sehr ausführlich. Natürlich ist er in einer anderen Phase des Lebens als ich. Aber was mich eben so fasziniert, dass er eigentlich so denkt wie ich damals und ich hab auch nicht vergessen, wie ich damals dachte und so viel hat sich letztlich gar nicht geändert bei mir. Also sehe ich gar keinen Generationsunterschied. Nicht in dieser Form, dass der Opa dem Enkel gute Ratschläge gibt. Das hat Michael gar nicht nötig – also sowohl der Opa als auch der Enkel.
sonic: Mit Wollny spielen Sie eigene Stücke, Jazzstandards wie Monks „Evidence“, aber auch Titel aus dem Great American Songbook wie Strayhorns „Lush Life“ oder sogar Popsongs von Björk und Prince wie „Nothing Compares 2 U“. Wie kommt es zur Auswahl der Stücke, sind es spontane Improvisationen über die Themen?
H. Sauer: Die Stücke sind oft Vorschläge, die von verschiedenen Seiten zu uns kommen. Dann wird diskutiert, soll’n wir das machen, soll’n wir das nicht machen, haben wir das nötig oder haben die Originalinterpreten das nötig. Björk kam von Michael Wollny, der liebt Björk. Und das war komischerweise so, dass ich das Lied „Where Is The Line“ auch gern hatte, denn eigentlich höre ich kein Popsongs.
sonic: Spielen Sie lieber mit einem Pianisten als mit einer Band?
H. Sauer: Nicht unbedingt. Aber man muss die passenden Musiker für eine Gruppe finden. Da bin ich sehr sensibel und anspruchsvoll. Die Musiker mit denen ich 1982 meine Platte „Metal Blossoms“ aufgenommen habe, das war ein recht gutes Quartett. Heute spiele ich mit Michael nicht, wie im Jazz üblich, Harmonien oder so. Wir verlagern mehr auf Melodie oder sagen wir mal auf Linien, ja. Also nicht vertikal sondern mehr horizontal.
sonic: Eine Anekdote besagt ja das Wollny, nachdem Sie ihn bei einem ihrer frühen Konzerte aufgefordert hatten, das Stück kaputt zu machen, kraftvoll in die Tastatur haute und damit Wollnys Auffassung von Musik und Ästhetik grundlegend erschüttert wurde.
H. Sauer: Die Geschichte ist wahr. Wie gesagt, wir nehmen irgendein Thema, „kaputtmachen“ hab ich wohl so gesagt auf der Bühne, dass war ja während eines Konzertes. Was ich meinte, war, wie ich zu sagen pflege, die Sache auseinander zu nehmen. Das hat er dann auch genüsslich getan. Unser Duo ist schon eine sehr schöne Konstellation, wir sind nicht festgelegt, haben ein relativ offenes Konzept. Das fasziniert mich an dem gemeinsamen Projekt mit Michael Wollny.
sonic: Zum Abschluß unseres Gesprächs noch einmal zurück zu Ihrer „Geburtstags“-CD „The Journey“, die ja einen recht guten Einblick in Ihre Karriere gibt. Sind Sie mit der Titelauswahl zufrieden, oder vermissen Sie wichtige Stationen?
H. Sauer: Die ganze CD war als Überraschung für mich gedacht. Ich hatte eigentlich keinen Einfluß darauf, finde sie als Überblick aber ganz gut, deckt sie doch all meine Stationen ab. Allerdings hätte ich die ersten Stücke mit Albert am liebsten nicht draufgehabt, weil das damals noch meine Erkundungsphase war. Da war der amerikanische Jazz – also Jazz ist ja sowieso eine uramerikanische Musik – viel weiter als hier in Deutschland. Wir spielten lediglich nach, entdeckten erst langsam einen eigenen Ausdruck. In den USA gab’s ja schon die Berklee School of Music, wir waren alle Autodidakten. Da lief damals bei mir oft diese Balladenplatte von Coltrane und irgendwie hab ich erst mal geguckt aus welchem Jahr stammt die, die war 1961. Und die ersten Aufnahmen auf „The Journey“ waren auch aus der Zeit, oder sogar noch später. Es ist eigentlich für mich peinlich, wir waren da wirklich noch nicht so weit.
sonic: War es für Sie jemals ein Problem, dass man Sie bzw. ihre Musik in früheren Jahren nicht so gebührend beachtet hat, vielleicht erst seit den Act-Veröffentlichungen breiter wahrnimmt? Was vielleicht auch mit Ihrer früher unangepassteren Musik zu tun haben mag. Mögen Sie das Underdog – Image?
H. Sauer: Ja (lacht). Ein Bekannter aus der Schweiz hat mir mal eine Karte geschickt. Auf schwarzem Grund steht da in weisser Schrift: „Wer sich’s leisten kann, bleibt arm“. Das Leben als Underdog ist prinzipiell nicht schlecht, nur, wenn man da gleichzeitig auch noch von leben muss, ist es gefährlich das zu lieben.
Auswahldiskographie:
-Heinz Sauer & Bob Degen – Exchange (FFM)
-NDR Bigband – Ellingtonia (Act)
-George Adams, Heinz Sauer, Jack DeJohnette, Dave Holland – Sound Suggestions (ECM)
-Heinz Sauer – Metal Blossoms (L+R)
-Albert Mangelsdorff Quartett – Never Let It End (MPS)
-Heinz Sauer & Michael Wollny – Certain Beauty (Act)
-Heinz Sauer – The Journey (Act)
