Steven Bernstein – neue jüdische Musik, aber kein Klezmer!

(Text f. Sonic 7./8.08)

Was ist daran jüdisch? Ähnlich wie bei John Zorn’s Masada-Projekt kann man sich auch hier diese Frage stellen. “Radical new jewish music”, eine CD-Reihe auf Zorn’s Tzadik Label, will dem Künstler freie Hand lassen, sein jüdisches Empfinden individuell auszudrücken.

Trompeter, Arrangeur und Komponist Steven Bernstein sagt darüber: „Es war für mich erst nicht ganz leicht, als John Zorn auf mich zugegangen ist und dazu ermuntert hat, mch meiner jüdischen Wurzeln zu erinnern und eine Platte zur erwähnten Serie beizutragen.“
Ursprünglich kommt Steven Bernstein aus einer anderen Ecke, spielte lange bei der Fake-Jazz-Gruppe Lounge Lizards und hat sich sein ganzes Leben mit verschiedenster Musik beschäftigt, aber eben keiner jüdischen.

Der Kreativ-Workaholic, der ein Dutzend Projekte gleichzeitig führt, gewann in den vergangenen Jahren jeweils den Down Beat Critics Poll „Rising Star“ in der Kategorie „Arrangeure“. Bernstein kann auf Arrangements in unterschiedlichsten Stilkontexten verweisen, darunter die Bläsersätze zur Lou Reed-CD „Ecstasy“, Bill Frisells grammygekröntes Werk „Unspeakable“, die Soundtracks zu den Filmen „Get Shorty“ und „Kansas City“, aber auch Arbeiten für Ballett- und Dance-Companies sowie Kooperationen mit so unterschiedlichen Künstlern wie Don Byron, Digable Planets, Ryuichi Sakamoto, Elton John, Marianne Faithful, Sting, John Lurie und David Murray, oder der Tätigkeit als musical director einiger Hal Willner Tributprojekte ergänzen seine Biografie, und natürlich die Leitung der eigenen Bands Sex Mob, Spanish Fly, Diaspora und Millennial Territory Orchestra, in denen Bernstein ein Panorama zwischen der „new radical jewish music“ und „Freakschow und Freejazz“ abdeckt.

Die CD-Veröffentlichungen auf Tzadik, dem in New York beheimateten Label des Saxophonisten und radikalen Querdenkers John Zorn, haben meist Konzept-Charakter, einen thematischen Zusammenhang. So auch die vierte Folge der Serie „Diaspora“ von Steven Bernstein. Zur Musik seiner „Diaspora Suite“ erzählt der Trompeter: „Die Idee dahinter ist, die Sprache der Diaspora, die ich in den vergangenen zehn Jahren auf den CD’s „Diaspora Soul“, „Diaspora Blues“ und „Diaspora Hollywood“ veröffentlichte und live in aller Welt vorgestellt habe, mit einer utopischen Vision der Bay Area Music zu verbinden wie sie Herbie Hancock’s Mwandishi Band, Santana, The Grateful Dead und Sly Stone spielten. Jedesmal wenn ich sie im Konzert aufführte ging ich tiefer in die religiösen Melodien, die ich über die Jahre transkribiert hatte und lernte so immer mehr über die Musik meiner Ahnen. Und wie diese Melodien beispielsweise auch in der Folk Music immer mehr transformiert wurden, veränderten sie sich schließlich gleichfalls bei uns von Konzert zu Konzert. Improvisation spielt dabei eine große Rolle.“

An den Aufnahmen zur „Diaspora Suite“ nahmen auch zwei seiner längsten musikalischen Freunde teil, der Saxophonist Peter Apfelbaum und Posaunist Jeff Cressman. Gemeinsam gaben sie bereits 1973 als 12-Jährige ihr erstes Konzert, damals auf einem Spielplatz in Berkeley. Heute zählen sie zu den brilliantesten Performern, nicht nur der kalifornischen Szene. Dort, genauer gesagt in Oakland, nahmen sie plus Klarinettist Ben Goldberg, Gitarrist Nels Cline, Drummer Scott Amandola und Mitglieder der legendären Band The Hieroglyphics am 21. Oktober 2007 zwischen zwölf Uhr mittags und sechs Uhr abends die komplette Musik des Albums auf, dessen einzelne Stücke jeweils einen biblischen Namen tragen: „Judah“, „Joseph“, „Benjamin“, „Issachar“ usw.. Es scheint ein entspannter Herbstnachmittag in Kalifornien gewesen zu sein, an den Bernstein beste Erinnerungen hat: „Jeder spielte unerschrocken Take für Take und so entstanden in nur sechs Stunden fünfzehn Stücke. Dazwischen machten wir sogar noch eine längere Lunch-Pause. Ein wirklich schöner Bay Area Tag.“ Den spürt man beim Hören des Albums ganz deutlich, die Musik ist spannend, aber gleichzeitig ungemein frisch und voller lebensbejahender Energie.

Steven Bernstein – „Diaspora Suite“ (Tzadik/ Sunny Moon)

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