(Text f. Jazz thing/ Blue Rhythm 39)

Eigentlich wollte der Finne sein Album „Omega Point“ oder „4th Element“ nennen. Doch das eine klang ihm zu sehr nach Vitamintabletten und das andere zu vieldeutig. Also, warum dann nicht gleich Raum und Zeit hinter sich lassen und ab in die „4th Dimension“.
Nicht ganz so weit ist es bis nach Finnland. Dort gibt es zur Zeit Schnee, Kälte und lange Dunkelheit, aber schon immer auch überschäumende, schräge Kreativität und Extravaganz. Man denke nur an so universelle Künstler wie den philosophierenden Musiker M.A. Numminen und den melancholischen Regisseur Aki Kaurismäki. Der 1965 in Lahti geborene Jimi Tenor gehört zu dieser auserlesenen Kaste, die mit ihrer global verständlichen Kunst weltweit Erfolge einfährt. Nach Jahren als einfallsreicher Techno- oder Psycho-Soul-Innovator verlegte sich der Andy Warhol-Lookalike 2005 auf fast ausschließlich analog gespielte Afrobeat-Fusion. Natürlich nicht, um als Reinkarnation eines Fela Kuti auf der Bühne zu stehen, oder im Stil neuerer Bands wie Afrodizz oder Chicago Afrobeat Project eine einseitige Gewichtung Richtung Funk zu legen.
Gemeinsam mit der Band Kabu Kabu – „4th Dimension“ ist nach „Joystone“ bereits die zweite Kooperation mit dieser in Berlin lebenden afrikanischen Formation – kreiert Tenor ein weites Feld hypnotischer Musik, die Afrobeat lediglich als Basis nutzt für wilde Jams zwischen Jazz, Disco, Rock und manchem mehr. „Speziell auf der Konzertbühne will ich den Freiraum haben musikalisch meine momentanen Gefühle auszuleben“, hält Jimi Tenor fest. „Eine gewisse Art von Angespanntheit während einer Show ist mir wichtig, treibt mich an. Das kann auch dazu führen, dass bei besonders frei improvisierten Passagen der Dancefloor innerhalb von Sekunden leer ist. Trotzdem machen wir so weiter, denn ich mag es unmöglich lange Sequenzen zu spielen. Klar können die Leute tanzen, aber sie sollen sich unsere Musik auch anhören.“ Diese Aussage verdeutlicht, wie ernsthaft es der Finne mit seiner Musik meint, sich von dem lange Zeit publizierten Image des schrillen Ironikers distanzieren will.
Tatsächlich ist das neue Album, trotz gelegentlich dem Free Jazz nahen Arrangements, ungemein strukturiert, dabei aber immer auch groovender Afrobeat. In vierzehn Songs pflegt der Saxophonist und Keyboarder liebevoll das Konzept der Melodie, getragen von zupackenden Bläsern und Trommelrhythmen. „Vor einigen Jahren wollte ich für den Track „Moon Goddess“ einige Afrobeat-Drums haben“, erzählt Tenor. „Ich suchte mir eine Afrobeat-Band und seitdem spielen wir zusammen. Ich denke der Begriff „Afrobeat“ meint die Art des Schlagzeugspielens wie sie Tony Allen eingeführt hat. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das was wir machen reiner Afrobeat ist. Wir arbeiten mit allen möglichen Stilistiken. Meist beginnen wir damit, dass ich unseren Drummer Ekow Alabi Savage und unseren Perkussionisten Akinola Famson bitte einige Rhythmen zu jammen, daraus entwickle ich dann einen Track. Oder ich programmiere Rhythmpatterns als Demo und Ekow spielt diese anschließend auf dem Schlagzeug. So wird der Sound natürlich. Doch die meisten Rhythmen basieren, wie ich finde, nur locker auf Afrobeat.“
Richtig, denn „4th Dimension“ in die Afrobeat-Kiste zu packen wäre zu simpel. Der Mann mit der übergroßen, Intellektuellen-Hornbrille addiert dazu Methoden von Arrangeuren und Improvisatoren des 50er Jahre Bigband Jazz, aber auch spezielle westafrikanische Rhythmen. Dadurch bekommt Tenor’s Afrobeat einen spacigen, vergnüglich ausgelassenen Jazz-Touch. „Ich bin ein großer Fan von Sun Ra, er hatte so viele positive Ideen und die gaben mir den Anstoß meine Musik generell schöner, heller zu machen. Ausserdem bin ich von der japanischen Band Boredoms beeinflusst. Sie entwickelten eine moderne Hippie-Free Jazz-Kombination. Egal. Was ich versuche zu sagen ist, dass ich vorher selten einen konkreten Plan oder klare Ideen davon habe, was entstehen soll. Eins kommt zum anderen, nichts ist absolut. Auf der Konzertbühne kommen und gehen die Momente, du spielst falsch oder richtig, keine große Sache. Aber wenn du ein gutes Gefühl hast, dann kann ein Konzert ein großartiges Ereignis werden“, grinst Jimi Tenor.
So redefreudig sich Jimi Tenor im Gespräch auch zeigt, mit politischen Botschaften, wie sie einst Fela Kuti in sein Publikum schmetterte, beschäftigt sich der blonde Finnen in seiner Musik nicht. Ihn geht es dabei mehr um Verständigung, Gleichberechtigung und Freundschaft unter den Kulturen und Menschen. „Eine Idee wie das „globale Dorf“ ist mir vom Prinzip sehr nah, Eigenheiten existieren, sie befruchten sich aber auch, schaffen etwas Neues und hoffentlich Gutes. Zum Beispiel unsere finnische Kultur, sie ist noch relativ jung, wir sind immer noch damit beschäftigt zu diskutieren wie es sich bei uns entwickeln soll. Das ist sehr liberal. Parallel dazu, und das ist ernüchternd, geht beispielsweise so etwas wie die einheimische Küche immer mehr verloren. Überall gibt es Pizza, Thaifood oder Hamburger, aber ein Restaurant zu finden, in dem finnisches Essen angeboten wird, ist wirklich schwierig. So verstehe ich Globalisierung nicht, denn dann bleibt Individualität auf der Strecke.“